Bolles schönster Tag
oder:
Der Tag, an dem Bolle eine unglückliche
Liebe überwunden hatte.
Als Bolle am frühen Nachmittag aufstand wunderte er sich:
Er fühlte sich gut. So ausgiebig und fest hatte er ewig nicht
geschlafen. Die warme Frühlingssonne strahlte ihn durch die
Rolloschlitze an. Nach einer Dusche fand er sogar noch etwas zu
essen im Kühlschrank.
Wenn jetzt auch noch der Kühlschrank funktionieren würde, träum
ich noch, dachte Bolle.
Der Kühlschrank funktionierte natürlich nicht, wie schon die letzten drei
Wochen, aber nach dem Essen fand er ein Sechserpack Tucher-Pils das
er dann völlig überrascht im Waschbecken platzierte. Doch noch ein
Traum?
Ein Bier schnappte er sich gleich, ging auf seinen Balkon und pflanzte
sich in die pralle Sonne. Was für ein Tag! So gut hatte er sich seit
Monaten nicht gefühlt, quatsch, seit Jahren. Eigendlich konnte er sich
nicht erinnern sich jemals besser gefühlt zu haben. Seltsam.
Er grinste die Sonne an und die für diese Jahreszeit sehr warme Sonne
grinste zurück, seine Balkonpflanzen machten sich daran Blätter und
Blüten in Richtung knallblauen Himmel zu treiben und unten liefen die
schönsten Mädchen Nürnbergs in ihrer ersten knappen Sommerkluft die
Straße rauf und runter. Nach dem 2. Bier klingelte das Telefon.
"Bollmann."
"Grüß Gott Herr Bollmann. Hier Kittstein von Dynamit Express. Sie
hatten sich doch bei uns vorgestellt. Haben sie noch Interesse?"
"Ja, natürlich."
"Gut, also sie sind in die engere Wahl gekommen, wir würden sie gerne
nochmal sehen. Kommen sie doch bitte am nächsten Mittwoch um
21 Uhr 30 ins Büro und melden sich beim Lagermeister."
"Ich bin da. Vielen Dank."
Wau. In die engere Wahl. Jetzt gehtz aufwärts. Langsam wurde der
Tag unheimlich. Da half nur eins: Auf zum dritten Bier!
Dann ging irgendwann das Bier zur Neige und Bolle beschloß in
den nächstbesten Biergarten zu latschen. Bei dem Biergartenwetter
müssen doch schon ein paar geöffnet sein, wagte er zu hoffen. Die
offizielle Biergartensaison beginnt nämlich erst in zwei Wochen am
1.Mai. Was für eine bescheuerte Idee. Wer steckte da schon wieder
dahinter?
Bolle griff sich das letzte Bier und ging aus dem Haus.
Allzuweit kam er nicht. Eine wunderbare Parkbank am Wöhrder See
kreuzte seinen Weg und das Bier mit Bolle im Schlepptau nahmen die
Bank in Beschlag. Herrlich. Die Welt ist schön.
Warum hatte er das bisher nicht geschnallt? Er wußte nicht daß man
Frühling so intensiv RIECHEN konnte. Sogar eine ziemliche Brise
Sommer wehte jetzt schon durch die Stadt. Prost. Auf einen deiner
allerschönsten Tage in deinem Leben, Bolle! Bolle nuckelte an seinem
Bier, spürte die Sonnenstrahlen, sah auf die Vögel im Wasser vor sich,
sah in den Himmel und auf all die Leute denen es, so wie es aussah,
gerade genauso ging.
Nach einiger Zeit kam ein Mann in seine Richtung. Er hatte eine
Baseballmütze auf und war etwa in Bolles Alter, so um die 30.
Vielleicht etwas jünger. Oje,
der Typ kam jetzt direkt auf ihn zu.
Hoffendlich kein Schwuler.
Dann stand der Typ vor Bolle.
"Hallo", sagte der Typ "darf ich dich mal was fragen?"
Auscheisse, entweder er fragt nur nach dem Weg oder ein Schwuler!
"Ja klar, frag nur."
"Glaubst du an Gott?"
Uff! - "Nein."
"Hast du schonmal in der Bibel gelesen?"
"Nö."
Der Typ machte einen sympathischen Eindruck und hatte einen
osteuropäischen Akzent.
"Die Bibel ist ein sehr interessantes Buch. Sie hat mir schon oft
geholfen. Hast du vielleicht Interesse dich mit der Bibel näher zu
beschäftigen?"
"Hm. Eigendlich nicht. Ich hab schon meine eigene Bibel." entgegnete
Bolle und tippte mit dem Zeigefinger auf sein Bier.
"Oh. Alkohol ist nicht gut."
"Woher willst du das wissen?"
"Glaub mir, ich weiß Bescheid. Ich hab mal viel getrunken. Und es hat mir
überhaupt nichts gebracht."
"So? Ich weiß aber auch Bescheid. Ich hab mal Religionsunterricht
genießen dürfen. Und das hat mir überhaupt nichts gebracht."
"Religionsunterricht ist doch nichts richtiges!" Der Typ begann langsam
an Bolle zu verzweifeln.
"Okay" sagte Bolle. "Was willst du eigendlich von mir? Kann dir doch
egal sein an was ich glaub. Bist du von irgendeiner Sekte, oder was?"
Die Leute die vorbeigingen drehten ihre Köpfe zu den beiden.
"Nein, keine Sekte. Wir studieren die Bibel, reden darüber. Und lernen
wie uns die Bibel helfen kann. Wir helfen uns gegenseitig."
"Ich brauch keine Hilfe. Mir gehts gut."
"Wirklich? Hm. Aber jeder hat doch so seine Probleme."
"Also mir fehlt überhaupt nichts."
Bolle fand daß er in den letzten Minuten sein Bier zu sehr vernachlässigt
hatte und nahm einen kräftigen Schluck.
"Du hältst mich für dumm, oder?" fragte der Typ.
"Quatsch, ich halt dich überhaupt nicht für dumm! Ganz im Gegenteil.
Jeder glaubt halt an andre Sachen. Immerhin bist du kein Esoteriker."
"Aber vielleicht hast du mal Probleme."
"Vielleicht. Klar."
"Falls du es dir anders überlegst kann ich dir mal meine Telefonnummer
geben. Ich könnte auch schauen ob ich irgendwo eine billige gebrauchte
Bibel für dich auftreiben kann. Dauert halt etwas."
"Okeh, gib mir deine Telefonnummer. Ich halt dich wirklich nicht für
dumm."
Er gab Bolle die Nummer und sie verabschiedeten sich.
Was war das denn? Der Typ hatte Bolle eindeutig am falschen
Tag erwischt.