Die Getauften
Draußen machte der Sommer nicht viel her,
es nieselte. Ich saß entspannt auf dem Bett, glotzte
in den Fernseher und nuckelte an meinem ersten Bier.
Es war Samstag, kurz vor Mittag und ich hatte Ruhe
von der Arbeit und allem. Im Bad richtete gerade meine
Marion-Maus ihre wunderschönen Haare, sie wollte
gleich los zu ihren Leuten. Sie ist Mitglied in einer Ver-
einigung von etwa 30 Leuten namens ´Gemeinschaft
bibeltreuer Christen`. Sie trinkt keinen Alkohol. Und sie
ist 10 Jahre jünger als ich. Und wahrscheinlich liebe ich
sie gerade deswegen. Eine Freundin die genauso wäre
wie ich würde mich zu recht zu Tode langweilen.
Sie kam aus dem Bad getänzelt:
"Also ich geht jetzt dann los. Gehst du heute noch ins
Atelier?"
"Ja."
"Aber trink nicht wieder soviel."
"Mh."
"Halloo-ooh, jemand da?"
"Hey, was ist mit deiner christlichen Nächstenliebe? Du
weißt doch daß ich mein Bier brauch."
"Und heute Abend bist du wieder besoffen."
"Nein, nur ein paar Bier um das Minimum an Stimmung
zu halten, okay?"
"Okay."
Küsschen, Küsschen und schon war sie draussen.
Scheisse, morgen ist Sonntag und danach geht die scheiss
Arbeit schon wieder los. Nach zweieinhalb Monaten ging
mir mein Vollzeitjob als Transporter in der Fabrik gewaltig
auf den Sack. Aber was will man machen, Deutschland war
am Arsch und Teilzeitjobs unauffindbar. Ich zog mich an und
ging raus in den scheissverregneten kalten Sommer. Dann
warten auf die Strassenbahn.
Schon seltsam. Alles.
Als ich sie das erstemal sah erzählte sie mir gleich daß sie und
ihre Gruppe jeden Samstag in der Königsstrasse stehen und
missionieren, wie sie es nennen. Ich erinnerte mich in dem
Moment, daß mir etwa ein Jahr zuvor dort eine kleine
Ansammlung von Menschen aufgefallen war, die Leute
ansprachen. Auf einem Steinquader stand ein Afrikaner
der ein Schild hochhielt: "Jesus rettet euch". Und drumrum
liefen lauter Idioten vorbei und besoffene Fußballfans.
Ich fand das faszinierend. Die ganze Szene hatte etwas
unglaublich anziehendes für mich. Eine erschauernde Mischung
aus Heiligkeit und Untergang. Und ich war mir, als ich mich
wieder daran erinnerte sofort sicher daß Marion damals auch
unter diesen heiligen Leuten gewesen sein musste.
Ich schaute aus dem Strassenbahnfenster mit den ganzen
Regentropfen drauf in denen jetzt die Sonne leuchtete.
Die Strassenbahn hielt, ich stieg aus, latschte ins Atelier und
machte mir erstmal ein Bier auf. Bier war eine sichere Sache
auf die Verlass war und an die man ohne weiteres glauben
konnte.
Und dann sah ich diese kleinen Spinnen. Auf meinen Tisch mit
den Farben und Pinseln hatte mein Malerkollege eine seiner
leeren Weinflaschen platziert. Und auf ihr krabbelten lauter
kleine weiße Spinnen herum, so klein wie Ameisen.
Im ersten Moment dachte ich, ich seh nicht recht. Im zweiten
Moment dachte ich, ich seh immernoch nicht recht.
Die weißen Ameisen-spinnen hatten vom Flaschenkopf
überallhin Fäden gesponnen. Zu in Gläsern stehenden Pinseln,
zu leeren Bierdosen, zu allem möglichen.
Ich sah mir das eine Zeitlang an und stellte dann die Flasche
mit den Spinnen auf den Tisch von meinem Kollegen, waren
ja anscheinend seine Spinnen.
Gegen Mitternacht saß ich in irgendeiner russischen Feier und
hatte ein Bier in der Hand. Ich sagte zu jemanden mit Stirnband
neben mir:
"Das ist lustig, daß du mich gerade jetzt auf Gott ansprichst, ich
hab da heute was erlebt."
Oh Gott, bin das ich der da redet, dachte ich. Ich fing an ihm von
den kleinen Spinnen zu erzählen.
"Die waren wie Ameisen, ham sich untereinander verständigt wie
Ameisen. Und konnten springen, so haben sie die Fäden zu den
Pinseln gebracht. Aber ich hab die Weinflasche woanders
hinstellen müssen, dabei sind ein paar runtergefallen. Oder
weggesprungen, aus Panik. Wenn die einfach alles zugelassen
hätten wär ihnen nichts passiert, weil ich wollt ja nur helfen, ich
war ihr Gott. Sie hätten einfach nur ihrem Gott vertrauen müssen.
Viele Leute sagen, es gibt keinen Gott weil er soviel Scheiss
zuläßt. Aber er will das ja nicht. Er will ja helfen, man muss ihm
nur vertrauen wie die Spinnen mir. Und die die mir nicht vertrauen
und wegspringen sind halt am Arsch. Das Scheisse passiert läßt
sich nicht vermeiden, nichtmal von Gott. Gott hätte ja nicht
einfach hergehen können um mit einem Wisch alle KZ´s
abzuschaffen. Das hätte ja noch mehr Verwirrung und noch mehr
Tote nach sich gezogen. Das hätte für alle Zeiten die ganze Logik
durcheinander gebracht. Aber Gott gibt uns die Möglichkeit ihm
zu vertrauen, verstehst du? Lass alles zu, es macht schon
irgendwie Sinn. Von den kleinen Spinnen kannst du ja auch
nicht erwarten, daß sie kapieren warum plötzlich ihre Weinflasche
fliegt und alle Fäden reissen, kein Wunder daß sie plötzlich Angst
kriegen und wegspringen, runterfallen und sterben. Naja, nicht alle,
ein paar waren anscheinend getauft, scheisse ich rede wie ein
Priester, prost."
Der andere schaute gerade aus an mir vorbei und nickte leicht.
Er war bekifft und ich war mir nicht sicher ob meine Predigt
angekommen war. Ich kam mir etwas blöd vor und trank mein
Bier aus und ging heim.
Daheim konnte ich mir natürlich was anhören. Es hatte irgendwie
mit Saufen und leeren Versprechungen zu tun.
Nachdem wir das hinter uns gebracht hatten kam es zu einer der
üblichen Grundsatzdiskussionen mit denen sie mich anscheinend
"retten" wollte vor allen möglichen Dämonen.
"Marion, du kennst mich doch, ich werd wahrscheinlich nie an
Gott glauben so wie du."
"Aber du glaubst an Gott, ich spür das."
"Ich weiß nicht ob es einen Gott gibt und es ist mir auch egal.
Ich will dich nicht enttäuschen. Ich werd wahrscheinlich nie zu
einem gläubigen Christen. Ich mein, wenigstens habt ihr mehr im
Hirn wie diese Esoteriker."
"Aber da ist was in dir und du unterdrückst es. Lass es doch
einfach zu!"
"Es gibt keinen Beweis für Gott und keinen gegen ihn. Ende der
Diskussion. Ob es Gott gibt oder nicht ändert nichts an den
Tatsachen. Und ob ich dran glaub oder nicht erst recht nicht."
"Aber es macht doch alles viel mehr Sinn wenn man es aus der
Sicht Gottes betrachtet. Das begreifst du doch auch. Das kann
doch nicht alles Zufall sein."
"Na hoffendlich ist das alles Zufall. Stell dir vor hinter dem ganzen
Scheiß steckt ein Plan, dann aber gute Nacht."
"Was soll das? Wieso nimmst du immer gleich an, daß Gott
schlecht oder sogar der Teufel ist? Dein ganzes Gerede immer
daß die Bibel vom Teufel ist oder so und daß Satan tausendmal
schlauer ist als wir alle denken. Manchmal denk ich du bist selbst
sowas wie ein Dämon, so stur wie du auf das Böse bestehst.
Lass das doch mal und trau der Bibel, es ist doch alles so
logisch!"
"Das ist doch alles zurechtkonstruiert. Wenn man will, kann
man den letzten Schwachsinn logisch erklären. Hast du dich mal
mit der Ideologie des dritten Reichs befasst? Der ganze Arier-
scheiß und so war dermassen logisch erklärt daß man selber
fast dran glauben könnte. Kennst du Marquis de Sade?
Die ´120 Tage von Sodom`? Ich hab das Buch an einem Tag
durchgelesen und hab daraufhin Verständnis für Kinderschänder
gehabt! Irgendwie kann man alles so hinstellen als wäre es die
letzte Wahrheit. Das ist wie bei der Kunst. Scheiss einen Haufen
auf die Straße und hol dann einen Kunstkritiker. Der wird dir
eine 30-Seitige Abhandlung darüber schreiben."
"Was hast du gehabt? Verständnis für Kinderschänder?"
"Les das Buch. Sonst verstehst dus nicht."
"Welches Buch?"
"Die ´120 Tage von Sodom`."
"Hast du das Buch noch?"
"Nein, ich habs mal jemanden ausgeliehen und nicht mehr
zurückgekriegt. Ach Scheisse, ich hab keine Lust mehr."
"Jaja, renn nur wieder zurück zu deinem Bier, das widerspricht
dir nicht, nicht wahr?"
"Nein ich hab generell keine Lust mehr auf die Geschichte hier,
sie langweilt mich langsam. Ende Aus Schluß. Ich mach Feierabend."
"Wie MEINST du das?" Sie starrte mich an.
"Das hier ist nur alles ausgedacht, du bist nur ein Fantasieprodukt
von mir. Wenn ich wollte könnte ich dich auf der Stelle sterben
lassen. Hier bin ausnahmsweise mal ICH der liebe Gott."
"Spinnst du jetzt komplett?"
"Nein." Ich musste gähnen.
Sie starrte mich an.
"Du blödes Arschloch, wieso sagst du solche Sachen?? Ich liebe
dich doch!"
Im nächsten Moment verglühte Marion in einem flammenden
Feuerball zu einem Häufchen Asche. Ah, und der Kühlschrank
war randvoll mit kühlen, perligen Bierflaschen...