Gemeinsamer Abend

Eine halbe Stunde vor Mitternacht stürmte Anton der Maler
aus dem Atelier. Er brauchte dringend frische Luft sowie die fünf
Bier die daheim im Kühlschrank auf ihn warteten. Auf halben Weg
klingelte sein Mobiltelefon und seine Ex-Frau war dran:
"Hi, was machst du gerade?"
"Bin aufm Heimweg. Warum?"
"Hast du noch Lust bei mir vorbeizuschauen?"
"Oh mann, auf jeden Fall. Ich brauch unbedingt was zu saufen!
Ich brauch Gesellschaft!"
"Was ist denn mit dir los?"
"Was weiß ich. Zuviel Terpentin geschnüffelt."
"Wie?"
"Hast du jetzt was zu saufen daheim oder nicht?"
"Ja. Zwei Flaschen Wein."
"Langt. Nur was trinkst du?"
"Haa-haa. Aber Sherry ist auch noch da."
"Bis gleich."

Als Anton im 3. Stock ankam machte sie gerade die Tür auf.
"Du bist aber jetzt schnell..."
"Du bist meine Rettung."
Anton stürmte an ihr vorbei in die Küche und schnappte sich
ein Weinglas aus dem Wandschrank.
"Spinnst du jetzt irgendwie?" rief ihm Birgit, seine wunderbare
Ex-Frau hinterher.
"Wo ist der Wein?"
"Steht im Wohnzimmer..."
Die Flasche war bereits geöffnet. Na gut. Portugiesischer Rosè.
Anton schenkte ein und stürzte das Glas noch im Stehen herunter.

-- Gerettet

Jetzt erst viel ihm auf das Birgit ein wenig schläfrig und benommen
dreinsah. Na klar, ihn rief sie immer nur an wenn sie bereits einen
intus hatte und sonst niemanden mehr erreichte.
"Ok, tschuldigung." sagte Anton. "Ich hab das jetzt echt gebraucht.
Du bist echt meine Rettung. Setzen wir uns halt."
"Oh. Vielen Dank für die Einladung." sagte Birgit.
"Oh mann." seufzte Anton, schenkte nach und trank wieder Ex.
Birgit setzte sich und sah ihn leicht entgeistert an.
"Alles in Ordnung mit dir?"
"Oh ja. Alles bestens." Anton lehnte sich zurück. "Alles gut.
Oh mann. Alles OK."
Er hatte den ganzen Tag nichts getrunken. Jetzt spürte er langsam
die wohlige Wärme, die durch seine Adern floß. Ah, war das
schön.
"Ich weiß auch nicht was mit mir los war. Ich hab vorhin ein
Bild gemalt, also ich weiß auch nicht... Ich glaub ich hab dazu
die falsche Musik gehört. Aber jetzt gehts wieder."
Anton schenkte sich und Birgit ein.
"Wie gehts dir eigendlich?" fragte er.
"Ach, nicht so toll. Ich hab vorhin geweint. Alle sind weg.
Alle sind im Urlaub oder so."
"Hm. Sonst alles in Ordnung?"
"Schon, ja."
"Was schaust du dir da gerade an?"
"Ach, nix besonderes. Ich schalt die ganze Zeit nur herum."
Im Fernsehen lief grad eine Sitcom die Anton schlecht
fand. Er machte die zweite Flasche Wein auf.
"Wieviel hast denn heut schon getrunken?" fragte er als die Gläser
wieder voll waren.
"Eine Flasche Wein und..." sie grinste, auf ihre persönliche,
stahlzerschmelzende Art "...ein bißchen Sherry."
"Also manchmal versteh ich gar nicht warum ich mich von
dir getrennt hab."
"Ich hab mich von dir getrennt."
"Ach so."
Anton trank und sah in den Fernseher. So schlecht war
die Sitcom gar nicht.
"Was macht eigendlich dein Job?" fragte ihn Birgit.
"Oh mann." Anton lachte.
"Die ham mich längst wieder rausgeschmissen."
"Was? Wieso?"
"Ich hab dir doch schon erzählt daß ich am ersten Tag
stockbesoffen war. Weißt du noch? Drei Tage später lag
die Kündigung im Briefkasten. Nah, scheiss drauf."
"Sowas kann doch auch nur dir passieren. Du bist doch
echt bescheuert."
Er lachte.
"Ja. Zu blöd zum leben aber zu schlau zum sterben."
Die Sitcom lachte auch.
"Was treibt eigendlich dein Neuer?" fragte Anton sie.
"Was heißt mein ´Neuer`? Wir sind jetzt fast ein Jahr
zusammen."
"Ja gut. Also wie gehts ihm?"
"Der ist voll im Stress von der Arbeit. Dauernd unterwegs.
Letztes Wochenende als er hier war, war er so fertig, so
hab ich ihn noch nie gesehen. Er hat erstmal 12 Stunden
durchgeschlafen.
"Oh mann." Anton nippte am Wein.
"Jetzt ist er gerade in Zürich. Muß voll die langweilige Stadt
sein."
"Aha."
"Ich sags dir, die letzten beiden Monate ham wir uns höchstens
fünf oder sechs Tage gesehen."
"Schon blöd."
"Na vielen Dank für dein Mitgefühl."
"Was soll ich schon sagen? Kann ich mal ne Zigarette von dir
haben?"
"Und was macht die Liebe bei dir?" fragte Birgit.
Anton machte sich die Zigarette an.
"Nichts neues. Wer keinen Job hat, hat kein Geld. Wer kein
Geld hat, hat keine Frau. Wer keine Frau hat, hat keine
Motivation. Wer keine Motivation hat, hat keinen Job."
"Ach Quatsch. Jeder Topf findet seinen Deckel. Vielleicht
sind deine Ansprüche nur zu hoch."
"Mein Topf hat Rostlöcher. Verschon mich mit deinem
Gequatsche."
"Red nicht so mit mir."
Sie blies den letzten Rauch gen Zimmerdecke und drückte ihre Zigarette aus.
"Ist der Wein schon leer?" fragte sie dann.
"Ja. Fast."
"Ach Gott, ich glaub ich leg mich dann schlafen."
"Was? Schon? Warum hast du mich angerufen? Damit ich
dir beim Einschlafen zusehen kann?"
"Du kannst meinetwegen hier auf der Couch schlafen."
"Aber ich bin nicht müde!"
Birgit gähnte.
"Du kannst ja noch weiter fernsehen. Der Sherry steht da
drüben."
Damit gab sich Anton zufrieden. Das war wesentlich mehr
als er für den Abend erwartet hatte. Die Erde rückte Europa
immer weiter in Richtung Sonnenaufgang und Anton schüttete
sich bald darauf den ersten Sherry ins Weinglas.

 

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